Wer hat im SDV-Tech-Stack das Sagen? Diese Frage entscheidet die Zukunft der Automobilsoftware

11. Juni 2026

Softwaredefinierte Fahrzeuge (SDVs) etablieren sich zunehmend – damit verschärft sich der Wettbewerb um die „Mitte“ des Tech-Stacks. Hier müssen OEMs mit der Entwicklung Schritt halten, ohne die Kontrolle aus der Hand zu geben.

Ein SDV zu entwickeln und tatsächlich die Kontrolle darüber zu haben, sind zwei Paar Schuhe. Für OEMs lautet die Frage daher nicht, ob sie den Übergang zum SDV vollzogen haben, sondern, wem die neue Architektur gehört – und wer darüber das Sagen hat.  

Wie entwickeln sich die Tech-Stacks von SDVs?  

n der klassischen Architektur vernetzter Fahrzeuge bilden Hardware- und Chiphersteller das Fundament, Software- und Serviceanbieter besetzen die mittleren Ebenen, und OEMs steuern als Eigentümer und Orchestratoren das gesamte Ökosystem.

Mit dem Übergang zu SDVs werden diese Strukturen immer komplexer und vielschichtiger. Einerseits dringen immer mehr OEMs tiefer in den Technologie-Stack vor und holen die Softwareentwicklung ins eigene Unternehmen. Gleichzeitig arbeiten sich viele Hardwarehersteller im Stack nach oben: Neben Komponenten bieten sie nun auch Softwareplattformen, Entwicklungs-Tool-Chains und Middleware auf Basis ihrer Chips.

Tier-1-Zulieferer – traditionell zwischen OEMs und Hardwareanbietern angesiedelt – haben als Systemintegratoren dieses „Mittelfeld“ weitgehend abgedeckt. Nun wächst der Druck auf sie von beiden Seiten. Für OEMs wird der Grad der Kontrolle über die eigene Fahrzeugarchitektur zunehmend über ihren künftigen Platz in der Wertschöpfungskette entscheiden.

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Was heißt das für OEMs und die SDV-Entwicklung?

Branchenweit zeichnen sich drei Pfade ab. Zwar setzen nahezu alle SDV-Strategien in irgendeiner Form auf Partner, doch entscheidend ist, welche Rolle diese Partner übernehmen und wie viel Kontrolle die OEMs über die architektonische Ausrichtung behalten.

Pfad 1: Mit einer proprietären Lösung tiefer in den Stack

Für OEMs liegen einige unmittelbare Vorteile auf der Hand, die Softwareentwicklung ins eigene Unternehmen zu holen. Vor allem können sie dadurch Entwicklungs- und Markteinführungszeiten verkürzen, Kosten senken und die Kontrolle über das eigene Fahrzeugökosystem sichern.

Unter den OEMs gelingt das aktuell insbesondere jüngeren Elektrofahrzeugherstellern in asiatischen Märkten. Ihr Vorteil: Softwaredefinierte Fahrzeuge sind für sie kein Transformationsziel, sondern der Ausgangspunkt. Dadurch können sie ihre Kompetenzen in der Fahrzeugentwicklung und in der Softwareentwicklung von Beginn an parallel aufbauen.

Viele etablierte OEMs in Europa und Nordamerika, die traditionell reine Automobilhersteller waren, tun sich mit diesem Wandel deutlich schwerer. Sie müssen sich von der klassischen Fahrzeug- und Hardwareentwicklung stärker in Richtung Softwareentwicklung bewegen. Das erfordert erhebliche Investitionen in die technische Infrastruktur. Außerdem müssen sie in großem Stil völlig neue Kompetenzen in einem anderen Fachgebiet aufbauen.

Deshalb holen so wenige OEMs die gesamte Entwicklung ins Haus. Viele arbeiten weiterhin in größerem Umfang mit mehreren externen Partnern zusammen.

Pfad 2: Auf Hardware-basierte Plattformen setzen

Am anderen Ende der Fahrzeugarchitektur erweitern Hardwarehersteller ihr Angebot über Komponenten hinaus um Middleware, ADAS-Software und Entwicklungs-Toolchains. Diese Unternehmen verfügen in der Regel über umfassendes Know-how und langjährige Erfahrung. Für OEMs kann die Zusammenarbeit mit ihnen die Entwicklung beschleunigen und den Integrationsaufwand deutlich reduzieren.

Solche Vereinbarungen haben jedoch ihren Preis: OEMs geben einen erheblichen Teil der Kontrolle ab und geraten in eine starke Abhängigkeit von Hardwareanbietern. In manchen Fällen, insbesondere in China, liefern Chip- und Plattformanbieter Lösungen, die sich über mehrere Ebenen des Technologie-Stacks erstrecken. Dadurch verlagert sich die Kontrolle über die Architektur deutlich vom OEM hin zum Zulieferer.

Durch solche Vereinbarungen riskieren OEM eine langfristige Bindung an einen Anbieter – unter Umständen über den gesamten Fahrzeug-Lebenszyklus hinweg. Die Zusammenarbeit mit Chipherstellern aus einer anderen Region kann schlimmstenfalls unter geopolitischen Spannungen oder Lieferketten-Engpässen leiden.

Pfad 3: Partnerschaft und Kollaboration 

Am erfolgversprechendsten ist für OEM meist eine partnerschaftliche Strategie – also ein Bruch mit den rein transaktionalen Lieferantenbeziehungen der Vergangenheit. 
 
Auch Anbieter von Hardware- und Rechenplattformen können Teil dieses Modells sein – ihre Einbindung allein bestimmt jedoch nicht, um welchen Weg es sich handelt. Entscheidend ist vielmehr, dass der OEM die Gesamtarchitektur weiterhin selbst orchestriert. 

Spezialisierte Partner bringen tiefgehendes Know-how in klar definierten Bereichen ein – etwa bei Konnektivität, Cloud-Plattformen, Anwendungen und weiteren Softwarefunktionen. Die strategische Steuerung bleibt jedoch beim OEM, der festlegt, wie diese Bausteine zusammenspielen. 

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Darum kommt es auf eine klare Strategie an 

OEMs mit starken internen Softwarekompetenzen bauen ihre Investitionen weiter aus – und bestätigen damit Pfad 1 für jene Unternehmen, die von Anfang an auf ein Software-first-Modell gesetzt haben. Gleichzeitig weiten Anbieter von Hardware- und Rechenplattformen ihren Einfluss im Softwarebereich weiter aus und verankern ihre Plattformen immer tiefer in den Entwicklungsprogrammen der OEMs. Immer mehr Hersteller setzen deshalb gezielt auf die Zusammenarbeit mit spezialisierten Partnern, um die strategische Kontrolle über die eigene Architektur zu bewahren.

Die meisten OEMs verfolgen heute keinen dieser Pfade in Reinform – dafür sind SDVs schlicht zu komplex. Umso wichtiger ist eine klare Strategie.

Die engeren Partnerschaften zwischen westlichen und asiatischen OEMs zeigen, wie weit solche strategischen Entscheidungen reichen. Viele verschiedene Akteure bauen gerade am Fundament der Mobilität der Zukunft. Wer nicht klar festlegt, was er selbst kontrollieren will, überlässt diese Entscheidung anderen.

William Ranåsen
Market Intelligence Analyst